"SO KANN ICH EINFACH NICHT ARBEITEN", schreiend, versetzte er der lebensgroßen Frauenpuppe einen derart derben Fußtritt in die Seite, das diese in die Ecke der Bushaltestelle geschleudert wurde. Dabei hatte alles so gut für ihn angefangen. Jahrelang war er nur als Statist in irgendwelchen billigen Provinz- und Gerichtsshows aufgetreten, immer als Angeklagter, aber ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Einmal - Ja einmal, da hatte er endlich auch mal eine Rolle mit dem gewissen Etwas bekommen. Diese Rolle hatte ihm wohl mehr Achtung und Respekt bei seinem Publikum verschafft, als er es jemals erwartet hätte. Und so war er schlagartig ins Rampenlicht gerückt, und es hatte ihn bis 'ganz nach oben' gespült. Raus aus der Bedeutungslosigkeit und direkt in die Top-Ten! Inzwischen hatte er sogar einen eigenen Manager. Der kümmerte sich nur um sein Wohlbefinden. Das war ein hochgebildeter Mensch mit sehr angenehmen Umgangsformen. Professor Dr. Weißbach. Der hatte gleich noch zwei Bodyguards, immer korrekt in weiß gekleidet, für ihn mitgebracht. Die waren immer in seiner Nähe und sorgten gut für ihn. Und um Rechts- oder Vertragsfragen brauchte er sich auch keinen Kopf mehr zu machen. Dafür hatte er Dr. Smilak. Der hielt alles von ihm fern. Presse, Rundfunk und Fernsehen – die ganze Meute eben, die sich so auf die Stars stürzten, wo immer sie konnten. Es war DIE Hauptrolle schlechthin, die er spielen sollte. Eine Rolle für die er einfach geboren war. Sie war ihm direkt auf dem Leib geschrieben. Oh, er konnte sich gut vorstellen, wie all die 'großen Künstler' der deutschen Filmwelt ihn um diese Rolle beneideten. Aber er hatte sie alle um Längen geschlagen, die Welt der Medien sprach nur noch über ihn. Nun gut, das war jetzt schon einige Zeit her. Er war vor lauter Arbeit daran, der Figur der Hauptrolle seine persönliche Note mitzugeben, lange nicht mehr in der Öffentlichkeit gewesen. Ganz abgeschottet, in einer speziellen Wohnunterkunft die nur für Leute die an diesem Film mitarbeiteten zugänglich war, hatten sie wochenlang immer wieder die Szenen durchgespielt. Er hatte sie so sehr genossen - diese Tage die er mit den Kollegen in einem Raum zusammensaß, und die Szenen geprobt hatten. Hatte richtig Spaß mit ihnen gemacht, bis auf diesen spröden Kollegen, der den Staatsanwalt mimte. Wie hieß der gleich noch? Dr. Kleinschmitd, das war sein Rollennahme, aber in der Realität, privat? Komisch, aber irgendwie kannte er sie alle nur mit den Rollennamen. Na ja, sie waren ja auch nie dazu gekommen über private Sachen zu reden. Die Zeit drängte einfach zu sehr, es sollte ja bald Drehbeginn sein. Das konnte man ja später alles mal nachholen. Auf der 'Aftershow Party', nach der Premiere zum Beispiel. Stunden und Tage hatte er damit verbracht seine Mimik und Gestik auf diese Rolle abzustimmen. Kalt – wie ein arktischer Wind – den Gedanken musste er nur in sich aufrufen. Dann kam von ganz alleine dieses fiese unterschwellige Grinsen. Und der überhebliche Blick, mit dem er dann abfällig den Hauptkommissar Köhler wie einen kleinen Jungen dastehen ließ. Probleme hatte er zuerst nur mit dem psychopatischen Aspekt der Rolle. Irgendwie wollte es ihm einfach nicht gelingen den 'richtigen Ton' und den 'irren Blick' drauf zu bekommen. Aber wer ist auch schon freiwillig verrückt? Doch die Rolle verlangte es nun mal! Gott sei Dank hatte er ja den Professor für solche Probleme an seiner Seite. Immer, wenn er statt den 'Verrückten' darzustellen in den Part eines Opfers abzurutschen drohte, hatte der gute Professor ihn, mit seiner beruhigenden Art, wieder in die richtige Rolle zurückgeholt. Wenn gar nichts mehr ging, hatte der dann entweder ein paar kleine Wunderpillen oder eine Spritze zur Hand. Gut gedopt ging halt alles besser. Ja sicher, er hatte es Übertrieben mit der Vorbereitung! Aber so eine Chance - wie diese Rolle - bekommt man nur einmal im Leben. Und er wollte sie so gut spielen, das es jedem der es sehen würde, ein Schauer, wie seinerzeit bei Hannibal Lector, über den Rücken jagen würde! Er 'lebte' inzwischen förmlich diese Rolle. Sogar am Drehbuch war er inzwischen beteiligt worden, da er besser als alle wusste wie die Figur dachte und handelte. Nur – das die Außenszenen am Tage gedreht werden sollten, dagegen konnte er nun mal einfach nichts machen. Leuchtet ja auch ein, für die Kamera brauchte man nun mal ausreichend Licht. Aber einfacher machte es seine Rolle gerade nicht. Andererseits – woran sollte man denn sonst die Kunst eines Schauspielers messen, wenn nicht daran wie er mit solchen widrigen Umständen zurecht kommt? Sie würden schon am Drehort die Meute zurückhalten. Der Professor wusste ja das er sich nicht zu doll aufregen durfte, der würde schon dafür sorgen – da hatte er keine Angst. Und sein Anwalt hatte dem Regisseur schon einmal damit gedroht alle zu verklagen. Damals bei dem Einzug in die Wohnunterkunft. Irgendwo hatte es ein 'Leck' gegeben, und die komplette Meute der Medien hatte sich vor dem Eingang versammelt. Hunderte von Blitzlichtern flammten auf, und ein lautes Geschrei und Gejohle war das! Sicher, das war der Preis dafür ein Star zu sein, aber leichter machte es das nicht! Lange her, heute ist Drehtag. Außenaufnahme die Erste! Soweit war alles besser gelaufen als er es sich erhofft hatte. Nicht eine einzige Szene mussten sie bisher ein zweites mal drehen. Alles war beim ersten Mal im Kasten. Selbst der stocksteife Staatsanwalt wuchs über seine begrenzten Möglichkeiten hinaus. Wie energisch und bestimmt Staatsanwalt Dr. Kleinschmitd zusammen mit Hauptkommissar Köhler doch den Weg durch Pressemeute zum Auto für ihn gebahnt hatten. Richtig glaubwürdig kam das rüber. Er hatte den Kollegen im Wagen herzlich dazu gratuliert, wie sie diese Szene gemeistert hatten. Ne, nicht gönnerhaft. Er stand ja erst am Anfang seiner Laufbahn. Da backt man noch 'kleine Brötchen'. Später mal, da würde er sich mit Sicherheit weigern noch mal mit dem Kollegen Staatsanwalt zu drehen. Das stand für ihn fest. Den Kommissar jederzeit wieder. Gerne sogar, der ließ ihm nämlich den nötigen Freiraum um seine Rolle zu entwickeln. Das war übrigens die Szene gewesen, die ihn an dieser Hauptrolle am meisten störte. Mit Handschellen gefesselt zwischen Staatsanwalt und Kommissar, den Kopf tief gesenkt und das Gesicht von seinem Anwalt mit einem Aktendeckel verdeckt, auf dem Weg ins Auto. Das war eigentlich unter seiner Würde, aber die Rolle verlangte es nun mal so. Aber schön sah das nicht aus. Vor allem konnte doch keine Kamera seine perfekt einstudierte Mimik so einfangen. "Perle vor die Säue werfen - Jawohl meine Herren", rief er, immer noch außer sich vor Wut, den anderen Schauspielern zu. "Das trifft es wohl am Besten. Ich will sofort mit dem Regisseur sprechen!". Suchend blickte er dabei in die Runde, wo er wohl diesen hoffnungslosen Stümper und Anfänger finden könnte. "SO haben wir das nicht abgesprochen! Wie soll man denn bitte schön unter diesen Bedingungen eine solche Rolle glaubhaft darstellen? Mir einfach eine Puppe hierher zusetzten. Wie bitte schön soll ich den eine Puppe glaubhaft erwürgen und vergewaltigen? Kann mir das einer der Herren Klugscheißer mal zeigen? Wo bleibt denn da bitte schön das Entsetzten im Gesicht und die Gegenwehr des Opfers?". Schlagartig hielt er inne mit seiner Schimpfkanonade. Die Stimmung war auf einmal so feindselig geworden, das man es richtig fühlen konnte. Seine beiden Bodyguards mussten das auch gespürt haben, denn sie liefen eilig auf ihn zu, um ihn schützend in ihre Mitte zu nehmen. Energisch packten sie ihn an den Armen und drehten sie ihm auf den Rücken. "Aua, seid doch nicht so grob ihr blöden Idioten. Dafür bezahle ich euch doch nicht. Ihr sollt mich vor dem Pack da beschützen", schrie er laut auf, und deutete wütend mit dem Kinn in Richtung Staatsanwalt und Co. "Herr Professor, bitte kommen sie und pfeifen sie diese Blödmänner wieder zurück. Wo haben sie DIE den bloß ausgegraben? Anstatt mich zu beschützen, reißen die mir die Arme aus dem Leib!". "Ich hatte sie gewarnt, Kleinschmitd", fuhr der Professor den Staatsanwalt scharf an. "Mein Patient ist weder vernehmungs- noch verhandlungsfähig! Sie sehen doch selber, das er sich überhaupt nicht bewusst ist, worum es hier eigentlich geht. Ich werde ihn sofort wieder in die Klinik bringen lassen. Und wagen sie es ja nicht in der nächsten Zeit noch einmal einen Gedanken daran zu verschwenden, diese arme Kreatur zu einem Lokaltermin zu zerren. Von einer Verhandlung ganz zu schweigen!". Dabei zog er hektisch eine Beruhigspritze auf und schnarrte den Staatsanwalt im Weggehen noch ein arrogantes "Den Rest besprechen sie bitte mit dem Anwalt, denn sie sehen und hören ja selber, das mein Patienten mich jetzt dringend braucht" zu. Anmerkung: Angeregt durch den Medienrummel, der heutzutage um Verbrecher, wie seinerzeit in Gladbeck, gemacht wird.