Oh Gott, diese Augen …
Ach nein …
Es ist mehr dieser Ausdruck in diesen Augen.
Nicht nur in diesen Augen, sondern der ganze Ausdruck drum herum.
Die Mimik, das alles zusammen eben.
So viel Vertrauen, schon fast unheimlich.
Es geht mir einfach durch und durch, lässt sich mir den Magen zusammenziehen.
Bei Gott – nicht unangenehm, nicht so.
Mehr so dieses Gefühl, als wenn man verliebt ist - so ähnlich.
Irgendwie neugierig dieser Blick aus diesen großen braunen Kulleraugen.
"Ach man, einfach zum knutschen", rutscht es mir heiser mit belegter Stimme heraus.
Das ist das schöne, an diesen Kleinen.
Die kennen noch nicht die böse Seite des Lebens. Jeder Tag ist neu und aufregend. So unendlich viel neues gibt es zu entdecken, alles ist unbekannt und wundersam. Und mit jedem Schritt kommen neue Erfahrungen und Eindrücke dazu.
Ich weiß, dass es mir die Seele zerreißen wird.
'Wie entkernt', schießt mir gerade durch den Kopf.
Ja, so werde ich mir sicher hinterher vorkommen. Als wenn ich mir selber meinen guten Kern rausreißen werde, so wird es für mich sein. Da bin ich mir ganz sicher.
Entseelt eben. Auf immer ohne Seele weiterleben, so sieht meine Zukunft aus.
Hätte ich bloß nie in diese Augen geschaut.
Ganz vorsichtig und zart versucht der kleine Kerl zögerlich meine linke Hand zu fassen zu bekommen.
'So weich – so warm', denke ich erschauernd.
"Ist ja letztlich nur eine Art von Metamorphose für dich, Kleines", versuche ich mich zu trösten.
"Wird das bald was? Du hältst den ganzen Betrieb auf …", grölt mir die raue Stimme meines Lehrmeisters von hinten zu.
"Machs gut Kleines, wir sehen uns heute abend wieder", flüstere ich mit tränenerstickter Stimme, ziehe meine linke Hand aus dem weichen Maul, und setzte das Bolzenschussgerät an die Stirn des Kalbes. Der dumpfe Knall ist noch nicht ganz verklungen, und das Kleine liegt vor mir auf dem Boden.
Wild strampelt es ein letztes mal um sich.
Diese Augen!
Nein … Es ist mehr dieser Ausdruck.
Nicht nur in diesen Augen, sondern der ganze Ausdruck drum herum.
Die Mimik, das alles zusammen eben.
Diese Angst, dies blanke Entsetzten …
Diese Augen …
Milchig werden sie.
Verlieren ihren Glanz … so starr …
ausdruckslos …
Anmerkung:
Im Juni 1966 wird der 19jährige Metzgergeselle Jürgen Bartsch aufgrund vierfachen Kindsmords verhaftet.
Zitat aus
wikipedia:
Es erregte ihn besonders, in die verängstigten, gefügigen, hilflosen Augen des Opfers zu blicken, in denen er sich selbst begegnete und mit dem er die Vernichtung seines Selbst in großer Erregung immer wieder durchspielte —
diesmal nicht mehr als hilfloses Opfer, sondern als der mächtige Verfolger.
… sehe wieder diese Augen vor mir …