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2 mal 3

Erzählung zum Thema Institutionen

Autor: AlterMann

Nichts sah so aus wie im Fernsehen. 

Sie war wesentlich kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte. Die rund sechs Quadratmeter waren übersichtlich
und platzsparend eingerichtet. An der linken Wand, in der Ecke neben der Tür, eine Kloschüssel, und ein
wenig davon entfernt das Bett. Ich glaube kaum, dass ich jemals wieder aufs Klo gehen werde - jedenfalls
nicht hier! An der Wand, über dem Bett, ein offener Kasten mit einem Brett drin – das soll wohl der Schrank
sein. Stimmt schon, wenn man nichts hat, dann braucht man auch keine Staufläche.

Rechts, an der Wand neben der Tür, war ein uralter Rippenheizkörper. Dann kam ein Waschbecken, über dem
eine kleine Ablage und ein Spiegel, in dem man gerade so sein Gesicht sehen kann, angebracht waren. Es
folgte ein Holztisch mit Stuhl. Gleich daneben, in Brusthöhe, zwei Hacken in der Wand - in denen quer eine
Eisenstange steckte. 

Wie sich später rausstellen sollte, brauchte man diese Halterung, um Fischerei-Netze daran zu knüpfen.
Gegen ein sehr geringes Entgeld, wie ich alsbald merken sollte. 

Etwas, was wohl ein Fenster darstellen sollte, war in der Wand die der Tür gegenüber lag, auszumachen. Ein
Fenster im ursprünglichem Sinne war es nicht. 

Wunderwelt Jugendknast!

Wahrscheinlich um uns Jugendlichen den Eindruck eines Gefängnisses zu mildern, hatte sich irgendjemand
wohl gedacht, dass es für uns leichter auszuhalten ist, wenn man nicht auf Gitter starrt. So hatten sie dann
hier die Gitter in Beton eingegossen, wie man leicht an den Kästchen erkennen konnte, und die
Zwischenräume mit Milchglasscheiben dicht gemacht. Na klar mit Drahtgeflecht verstärkt, sonst hätte man ja
durch die zirka DIN A5 großen Zwischenräume flüchten können! Oben, in der Mitte dieses Gebildes, war eines
dieser Kästchen als Klappe zu öffnen. Nun, wohl reichhaltig genug bemessen, um sechs Quadratmeter Zelle
zu be- und entlüften, denn sonst währe es nicht in dem ganzen Block so gebaut worden.

Zwischen Tisch und Bett blieb nur ein sehr schmaler Gang, durch den man von der Tür bis zur Wand mit
dem Fenster laufen konnte. 

Sechs kleine Schritte, zwischen Fenster und Tür - meine Rennstrecke!

Und trotzdem - alles in allem nicht schlecht.

Immer noch tausend Mal besser, als unter Brücken und in aufgebrochenen Schrebergärten oder Autos zu
pennen. Immerhin hatten wir Februar, und zwar ein ziemlich kalten, in diesem Jahr in den Siebzigern.

Alles was ich erkennen konnte, wenn ich mich auf den Stuhl stellte, um aus dem Fenster rauszusehen, war
eine Mauer und ein Stück Hof mit etwas Grün - Rasen oder so. Der Innenhof auf dem ich in Zukunft meine
Runden drehen sollte. Die Runden waren dann ganz so, wie ich es schon früher oft im Fernsehen gesehen
hatte. 

Ich machte das Fenster auf, denn ich brauchte Sauerstoff. Ich sah keinen Himmel von meiner Zelle aus,
weder vom Bett aus, noch am Fenster.

Schöne neue Welt, und jetzt, auf noch unbestimmte Zeit, mein Zuhause.
Aber wenigstens eine Einzelzelle, Glück gehabt.

Während ich das Bett mit dem blau-weiß-karierten Bettzeug bezog, klappert es schon an der Tür: 

Abendessen! 

Ich ertappte mich irgendwann dabei, den kurzen Weg von sechs kleinen Schritten zwischen Fenster und Tür,
hin und her zu laufen. Nichts hielt mich auf dem unbequemen Holzstuhl oder dem Bett. Also rannte ich
unaufhörlich hin und her. Warum auch nicht, zu tun hatte ich ja sonst nichts! Nach ungefähr zwei Stunden war
mein Drang zu Laufen befriedigt. Zu gerne hätte ich eine geraucht, aber ich hatte schon ewig lange keinen
Tabak mehr. 

Ich legte mich auf das Bett und kam ins Grübeln, denn schlafen konnte ich um diese Zeit nicht. Bevor ich
mich aus dieser Zelle in meine Erinnerungen flüchten konnte, fühlte sich auf einmal meine Brust so an, als
würde jemand ziemlich schweres darauf sitzen. Immer schwerer fiel es mir noch Luft zu holen.

Plötzlich bekam ich keine überhaupt keine Luft mehr, sprang panisch auf. Vielleicht lag es ja am Liegen? Aber
es nutzte nichts, die Beklemmung blieb. Ich konnte mich trotz aller Versuche nicht mehr beruhigen. 

Der Puls raste, kalter Schweiß auf der Stirn. 

Im Kopf nur dieser eine Gedanke: 'lebendig begraben'.

Ich begab mich auf meine Rennstrecke zwischen Fenster und Tür. Irgendwie und irgendwann war ich wieder
klar, für dieses Mal jedenfalls. 

Ich zog mich aus und legte mich ins Bett, denn das Licht war schon länger erloschen.

Anmerkung: