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die Eiche
oder Alkohol am Steuer

zum Thema Lebenserfahrungen

Autor: AlterMann

...die Zeit war stehen geblieben, alles war so seltsam ruhig um ihn herum.

Das Letzte, woran er sich noch erinnern konnte, war das die Strasse sich links von ihm mit einem rasenden Tempo ins Dunkel entfernte, und dafür ein mächtiger Baum auf ihn zuraste. Das Fernlicht des Autos leuchtete die ganze Szene erschreckend gespenstisch in einem kalten und unwirklichen Licht aus.


"Höre mir jetzt gut zu! 
Wir haben keine Zeit zu verlieren, die Pause ist zu kurz! 
Du musst die Füße jetzt ganz fest auf den Boden pressen". 

"Hast du gehört? 
Uns ist nur eine kurze Pause gewährt, also mach schon schnell was ich dir sage!" 

Er presste die Füße mit aller Kraft die er hatte an den Boden, ohne zu fragen oder darüber nachzudenken. Ihm war ja selber klar das ihm nicht viel Zeit bleiben würde. Er fand es höchstens komisch das noch nichts passiert war. 

"So mein Freund, jetzt mach die Beine ganz gerade, und press dich dabei, mit aller Kraft die du hast, mit dem Becken gegen die Sitzlehne. Ich will das du dich da so doll rein drückst, das sie abzubrechen droht!" 

"Doller, das muss richtig weh tun in den Beinen - müssen so hart wie Stahl sein – und Kerzengerade!" 

Er spürte förmlich wie die Muskelfasern, sowie jede einzelne Sehne in seinen Beinen, sich unter der gewaltigen Kraftanstrengung in reine Stahlstränge verwandelten. Laut knirschen und knackend bog sich die Rückenlehne nach hinten durch. 

"Ganz ruhig blieben – und keine Panik, wir machen das schon! Jetzt krall dich mit den Händen so fest, wie du dich in deinem ganzen Leben noch nie irgendwo festgehalten hast, und drücke dabei die Arme ganz gerade weg von dir!" 

Er konnte dabei zusehen, wie die Adern auf seinen Händen anschwollen, während er sich immer fester an das Lenkrad klammerte. 

"Die Arme ganz gerade habe ich gesagt! Und drück dich dabei ganz fest mit den Rücken gegen die Sitzlehne... das ist ganz extrem wichtig das du dabei steif wie ein Brett wirst!" 

"Und jetzt zieh den Kopf zwischen die Schultern ein - so tief du nur kannst! Mach die Nackenmuskel dabei steif. Der Kopf darf sich keinen Millimeter mehr bewegen können – oder es war alles umsonst!" 

Er merkte wie der Kopf unweigerlich vor Anstrengung anfing zu Zittern. 

"So ist gut mein Freund. Und denk daran – wenn es vorbei ist, dann nichts wie raus und weg hier! 

Er starrte hilflos auf die Borke der Eiche, die nicht weit vor ihm auf ihn wartete. Er mochte Eichen noch nie sonderlich gerne. Schon in seiner Zeit als Tischler hatte er nur Ärger mit denen gehabt. Keine andere Holzart hatte so fiese lange und spitze Splitter wie die Eiche. Und immer rammte er sich diese genau in die ungünstigsten Stellen seiner Hände. 

Wenn er mal viel Glück hatte, dann saß so ein fieser Splitter ‚nur’ unter dem Fingernagel, aber meistens war es genau in einer Handfalte – so das man die Hand nicht zusammen machen konnte, ohne vor Schmerzen dabei an die Decke zu gehen. Und immer entzündete sich die Scheiße auch noch. Als wenn es so nicht schon schlimm genug gewesen wäre. Alles nur wegen dieser blöden Gerbsäure in dem scheiß Eichenholz. 

Und warum raste ausgerechnet er aus der Kurve raus? Inzwischen war er doch rund 60.000 Kilometer unfallfrei mit geklauten Autos kreuz und quer durch Deutschland gefahren. Außer einer kleine Beule, beim rückwärts Einparken – damals, als er das mit den Autos anfing – war doch nie etwas passiert. Aber ausgerechnet jetzt, wo er sich endlich ‚zur Ruhe’ gesetzt hatte, in seinem eigenen Auto unterwegs war, da passierte ihm das! 

"Hör auf zu träumen, ich kann nicht länger warten – es muss weitergehen! Festkrallen und anpressen – ich muss die Zeit wieder weiter laufen lassen." 

"HE, Hörst du mich? Es geht jetzt los! Die Pause ist vorbei. Bis dann!" 

In einem irrwitzigen Tempo raste die Eiche auf ihn zu. 
Immer deutlicher konnte er die Riefen und Rillen in der Borke sehen. Dann wurde er von einer Urgewalt nach vorne gerissen. Irgendetwas versuchte ihn mitsamt des Sitzes aus dem Wagen heraus auf dem Baum zuzuschleudern. Wie in Zeitlupe sah er, wie das Lenkrad sich verbog und auf sein Gesicht zukam. 

Und es war totenstill – und ihm auch irgendwie völlig gleichgültig. 

Es ließ ihn alles so merkwürdig kalt. So, als wenn das alles nicht gerade mit ihm passieren würde, sondern er es nur in einem Film sehen würde. 

Er fühlte ja auch nichts! 
Und zu hören war doch auch nichts. 
Es roch noch nicht einmal besonders, und alles war so absolut bewegungslos. 

Und so dunkel auf einmal?
Er versuchte sich wieder fester in die Sitzlehne zu drücken. Die Beine waren nicht mehr so gerade wie sie sein sollten, und die Arme waren auch durchgeknickt! Aber irgendwie ging es nicht. Die Beine zu lang, die Arme im Gegensatz dafür zu kurz! 

So schien es ihm jedenfalls!
Langsam drangen erste Geräusche wieder in sein Bewusstsein. Scheppernd und quietschen drehte das Rad auf seiner linken Seite sich ein letztes Mal, bevor das Gummi sich in dem verbogenen Kotflügel festfraß. Das Autoradio, das sich aus seiner Halterung im Armaturenbrett losgerissen hatte und bis in den Kofferraum seines VW-Passat Kombis geflogen war, kam mit einem lautem Poltern zum Liegen. 

Laut zischend stieg der weißliche Nebel des Kühlwassers, das sich aus dem zermalmten Kühler auf den heißen Motorblock ergossen hatte und dort verdampfte, in die Luft. Die Windschutzscheibe fiel krachend wieder auf die eigentlich dafür vorgesehene Öffnung zu. 

Dann war es vorbei.
Seine verkrampfte Haltung löste sich langsam, und er schüttelte sich unwillkürlich. 

Ein Blick auf seine Arme und Beine überzeugte ihn davon, das er es tatsächlich überlebt und dabei augenscheinlich auch noch relativ unbeschadet davon gekommen war.

Keine Schmerzen - meldete ihm sein Gehirn, also alles in Ordnung. 

Raus hier, er muss doch weg von hier! 
Und das noch, bevor die ersten Leute aus den Häusern kommen um zu gaffen. 
Und vor allem – bevor sie die Bullen hierher rufen!
Die ersten Hunde waren schon wie blöde am kläffen, lange Zeit würde ihm also nicht mehr bleiben. 

Scheiße, die Tür geht nicht auf. 
Mit aller Macht schmiss er sich dagegen, aber nichts rührte sich. 
Durch die Windschutzscheibe raus! Die war doch bei dem Aufprall aus der Halterung gerissen worden, lag nur noch lose vor dem Loch. Er zwängte sich aus dem irgendwie viel zu eng gewordenen Sitzraum über das Amertourenbrett auf die Scheibe zu, und stieß sie weg. Dann krabbelte er rauf auf die Motorhaube und sprang in einem großen Satz runter auf die Erde. 

Ahhhhhhh, scheiße tat das weh. 
Sein linker Fuß schmerzte höllisch. 

War er wohl doch nicht so gut davon gekommen wie er gedacht hatte, was? Aber eigentlich hätte er ja im Grunde genommen gar nicht mehr am Leben sein dürfen, nach dem Crash! Das hatte er mal wieder nur seinem Freund zu ‚verdanken’. Dabei hatte er ihn schon so lange Zeit nicht mehr gehört oder gesehen. Aber er war wie früher eben immer da, wenn es darauf ankam. Er zählte schon lange nicht mehr, wie oft sein Freund ihm das Leben immer wieder aufs neue geschenkt hatte. 

Er sah es auch mehr als ein Fluch – statt als ein freudiges Ereignis an.
Mit zwanzig hatte er das letzte Mal versucht sich aus diesem Leben davon zu machen, aber der Knochenmann, der ja nun schon seit seiner Kindheit sein Freund war, nahm ihn einfach nicht mit. Er hatte es ihm ja versprochen, damals – in einem anderem Leben! 

Egal! 
Er schüttelt sich, als wenn er damit die Gedanken aus seinem Kopf rausbekommen könnte. Mühsam humpelte er über die Strasse auf die Häuser zu. Hinter den Hecken konnte er sich ungesehen aus dem Staub machen. Die Schmerzen waren höllisch, und jeder Schritt trieb ihm die Tränen in die Augen. 

Aber er hatte einfach zu viel zu verlieren. 
Er durfte den Bullen nicht in die Hände fallen. 
Sonst wären erst mal wieder alle Pläne und Träume im Arsch. In vierzehn Tagen sollte die praktische Prüfung für den Führerschein sein und er endlich seinen ’Lappen’ bekommen, und das könnte er dann vergessen. Dann würde er wieder mal für lange Zeit eine Sperre verpasst bekommen. Soviel war sicher! Und kein Führerschein würde heißen, das er seinen Arbeitplatz verlieren würde. 

Er musste ja nur noch eine Telefonzelle finden, dann könnte er Püppi anrufen, das sie ihn unbedingt abholen kommen muss. Die würde sich mit Sicherheit freuen das er sie so dringend brauchte. Das war schon immer ihr Traum gewesen – das er ihr mal zeigte das er sie braucht. 

Ungefähr sechs Kilometer weiter, stand endlich eine verdammte Telefonzelle. Schnell hat die zwei Groschen in den Kasten geworfen und Püppis Nummer gewählt. Dabei schaute er auf die Strasse, immer auf dem Sprung schnell wieder abzuhauen, wenn ein Auto zu sehen war. Das hatte er schon immer so gehalten – wenn er nachts ‚unterwegs’ war - und ein Auto kam. Immer davon ausgehen das es die Bullen sind, und schnell verstecken. Das hatte ihn schon etliche Male vor dem Knast gerettet. 

Lieber einmal zuviel in Deckung gehen, als einmal zuviel in den Knast! 

Es war erschreckend, was er da so in der Scheibe sah. Die Scheibe fungierte ja als Spiegel, da es draußen stockdunkel war. Eine schmerzverzehrte und blutverschmierte Fratze starrte ihm entgegen. Was er für Schweiß gehalten hatte, war in Wirklichkeit sein Blut gewesen, und so hatte er sich immer lustig das Blut durch das ganze Gesicht geschmiert, anstatt den Schweiß abzuwischen. Man gut das er so vorsichtig gewesen war, und ihn keiner zu sehen bekommen hatte. 

Zwanzig Minuten noch, dann wäre Püppi endlich hier, und dann hätte es endlich alles ein ENDE.... 

ps:
Das Fahrzeug wurde von mir offiziell als gestohlen gemeldet, und aufgrund meiner geringen Verletzungen – die ich vor den Bullen gut verbergen konnte - und des Alibi von Püppi, kam keiner auf die Idee mich als den Fahrer des Fahrzeuges zu verdächtigen. 

Den Beschädigungen an dem Fahrzeug nach, haben die Bullen und deren Sachverständigen ermittelt, das dies Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von zirka 60 Km/h auf die Eiche geprallt sein musste.

Anmerkung:
Warum und vor allem wie ich das überlebt habe? 
Ohne Gurte und Airback damals, und dann so – relativ - unverletzt vor allem?
Nun, ich war zwar gut durchtrainiert und bestand nur aus Haut und Muskeln zu der Zeit, aber gegen die Kräfte hätte selbst ich nichts machen können.

Also - Keine Ahnung, aber irgendeiner – ob da oben oder da unten musste mich wohl verdammt hassen / lieben, wollte mich noch länger leben lassen.

Oder war es doch nur der Knochenmann...