Die Zehn, diese verhasste Zehn. Eine ganz ‚normale’ Zahl. Nichts weiter, einfach die Ziffer Eins gefolgt von der Null. Irgendwann ab dem zwölften Jahrhundert hier, in dieser Schreibweise, eingeführt. Entsprach so in etwa der Zeit in Sekunden, welche die Datenbank eines Kunden für ein Update auf dem Kundenstamm benötigte. Und ich, als EDV-Profi, wurde dafür bezahlt eine System-Analyse hier durchzuführen. Schwachpunkte der Software aufzuspüren, und das Datenbank-System zu optimieren. Das war meine Welt. Dafür lebte ich. Zeit war für mich ein relativer Begriff. Es gab Tage, da verbrachte ich mehr als 20 Stunden, an einem Monitor gefesselt, in dem Büro. Dann schnell ein oder zwei Stunden ein Nickerchen in einer Ecke im Lager, und ran an seine Kiste. Süchtig? Kann sein, gesunde Züge hatte es schon lange nicht mehr. Wahre Liebe eben. Ich sprach inzwischen besser SQL, COBOL, ASSEMBLER und C als Deutsch. Kein Wunder, sie verstanden mich ja auch wenigstens. In Gegensatz zu den Menschen. Diese herrlichen grauen Kisten. Das friedlich Summen der Rechner. Gleichmäßig - mit einigen Obertönen, die davon zeugten, dass eine gewaltige Anzahl von gleichzeitigen Anforderungen die Festplatten traktierten. Und diese Source-Codes. Besser als jeder Liebesbrief, so ein Source-Code. Klar, eindeutig und ehrlich. Mein letzter Testlauf, diese Nacht. Ich hatte andere Tabellen und neue Schlüssel angelegt, viele SQL - Abfragen umgebaut. Eingabe-Masken geändert, Programme neu geschrieben. Und jetzt war der selbe Vorgang bei zirka 1,5 Sekunden angekommen. Mehr war nicht rauszuholen. Nicht mit diesen alten Rechnern und dem Netzwerk. Übergabetermin morgens um neun Uhr. Pünktlich fertig, wie immer. Meine Welt eben. Und zwei Monate später hasste ich diese Kisten. Ich weigerte mich weiterhin diese Sprachen zu sprechen. Den grauen Kisten zu lauschen und zu befehlen. Schuld war diese Zehn! Diesmal genau die Zehn, und nicht zirka...eine Zahl die ich am liebsten aus meinem Leben streichen würde. Das war die Zahl die auf der Straßenbahn in Halle an der Saale stand. Linie Zehn. In Höhe 'Berliner Brücke' war es passiert. Ich hatte einen großen Erfolg hingelegt, mit dieser und vielen anderen Verbesserungen. Hatte dem Betrieb viel Zeit und Geld erspart. Vor allem viel Zeit! Zeit, die jetzt die Angestellten mehr hatten. Zu viele Angestellte jetzt. Dank mir! Der Ehemann einer dieser Frauen, die jetzt 'Dank mir' entlassen wurden, war schon lange vorher arbeitslos geworden. Reichte eh schon vorne und hinten nicht mehr, das Geld. Und nun? Er wusste keinen Ausweg mehr, geriet in Panik – der arme Mann. Geplant hatte er es augenscheinlich nicht, war wohl 'nur' eine Kurzschlussreaktion gewesen. Kein Abschiedsbrief. Er hatte sich einfach so vor die Straßenbahn geworfen. Vor die Linie Zehn! Anmerkung: Leider keine Geschichte, sonder die ungeschmickte Wahrheit...