Liebe Annegret,
ich weiß, dass es sich merkwürdig für dich anfühlen muss, nach so langer Zeit, über 30 Jahre, in die Vergegangenheit abzutauchen. Mir ging es ja an dem Tag, als ich beim Umbau auf dem Boden diesen Karton gefunden hatte, auch so. Wie vom Donner gerührt war ich in diesem Augenblick - als ich den Karton öffnete und drin rumstöberte.
Hätte ich ihn doch bloß einfach unbesehen in den Müll entsorgt.
Ich würde nicht schon seit Wochen, Nacht für Nacht, mich schlaflos im Bett wälzen und über meine Fehler von damals grübeln.
Deine Rache / Strafe war und ist so endgültig, dass es mir bei den Gedanken an dich einfach nicht gelingen will, wie bei all den anderen ‚verflossenen Frauen’, auch nur einen Gedanken voller Freude oder Lust zu finden.
Nur Schuld – diese unendlich Schuld.
Die ich auf mich geladen habe, weil ich mich nicht zu meiner Liebe zur dir bekennen wollte, als die Zeit dafür reif war. Ich hätte es dir an dem Freitag schon eingestehen müssen, als wir uns endlich, nach fast einer ganzen Woche, wieder in den Armen halten konnten.
Spätestens aber, als auf mir lagst, deine Augen mich fesselten, du mir gerade deine Liebe eingestehen wolltest. Doch ich habe wieder abgeblockt, bin weggelaufen, weil ich es wusste - das du es sagen willst! Es war einfach viel zu spät und falsch, dass ich dir erst bei / nach dem Liebesakt ewige Liebe und Treue geschworen habe.
Dieser verfluchte Karton.
Bestimmt ist auch das ein Teil deiner Rache / Strafe - das ich den immer noch habe.
Fein säuberlich geschnürt liegen da Berge von gebrochenen Herzen und missbrauchtes Vertrauen drin. Die alten Liebesbriefe und Tagebücher aus den 70er Jahren. Ich war so unendlich dumm, war sogar für Monate nach Schweden geflohen, um dich zu vergessen zu können! Hatte all die Jahre gedacht endlich über diesen bitteren Verlust, von dir und meiner Liebe zu dir, hinweg gewesen zu sein.
Aber das grüne Tagebuch – von 1978 -, dass stach mir sofort ins Auge.
Ich hätte es eigentlich gar nicht lesen brauchen, es stand mir alles sofort wieder vor Augen. Als wenn du gerade erst die Tür hinter dir zugemacht, und ich sehnsüchtig unserem nächsten Treffen entgegenfiebere.
Nein, ich habe nicht geweint, hab einfach keine Tränen mehr.
Bin irgendwann leergelaufen, ausgetrocknet und ausgebrannt gewesen. Das war weder deine Schuld, noch dein Verdienst! Das hängt einzig und allein mit meinem Leben überhaupt zusammen. Aber sei dir sicher, wenn ich noch irgendwo eine Träne auftreiben könnte – sie würde fließen. So sehr schmerzt mich diese Erinnerung und der Verlust von dir – auch heute noch. Ich habe das Tagebuch gelesen – trotz des Wissens um das Ge- / Erlebte darin!
Immer und immer wieder unsere gemeinsame Zeit in diesem Buch aufgeschlagen. Und alles dabei wieder aufs neue durch- / erlebt. Mit jeder Faser meiner Seele! Habe nach Ausreden gesucht, die mein Verhalten hätten entschuldigen können.
Ich habe auch versucht, dich so besser zu verstehen. Dein Handeln, Verhalten - Dein so endgültiges Verschwinden aus meinem Leben.
Es geht nicht!
Es bleibt wie es war - für mich. Einfach nur meine Dummheit und Schuld. Keine Ausrede möglich. Quasi so vorgesehen und vorgegeben. Wie in einem Drehbuch.
Wir konnten beide nicht anders Handeln - damals.
Ich, weil ich so eine scheiß Angst davor hatte, deinen Vorstellungen und Träumen nicht entsprechen zu können – außerdem meinen Psychosen und Depressionen hilflos ausgeliefert.
Und du, um überleben zu können – ein sinnvolles Leben zu führen, das mit mir als Psycho niemals möglich gewesen wäre.
Aber in diesen ganzen Nächten, die ich jetzt schon wach im Bett gelegen habe und wegen meiner Selbstzweifel und Verzweiflung, über meine Schuld an dir, nicht schlafen konnte, habe ich ‚ES’ auch alles wieder und wieder durchlebt.
Ich habe mich dann, irgendwann in einer Nacht, hingesetzt und das alles fein säuberlich neu aufgeschrieben. Die ganzen Erlebnisse mit dir – und wichtiger – die ganzen Gefühle. Ich habe mich jetzt nicht mehr gescheut, die Gefühle zu durchleben, die ich mir damals nicht eingestehen konnte / wollte / durfte.
Es war so real, als wenn ich dich in den Armen halten würde – wie damals.
Ich werde es dir sicher noch zusenden, eines Tages, das Tagebuch - unsere Seiten daraus.
Denn endlich ist mir etwas aufgefallen, was mir damals in meiner Liebe und Verzweiflung entgangen ist. Zu aufgewühlt und glücklich in der gemeinsamen Zeit, und zu Tode verletzt - die Zeit danach, war ich, um mich mit solchen Dingen zu befassen.
Aber jetzt, wo ich mir alles immer wieder vor Augen führe, alles wieder durchlebe – da fällt es mir auf! Und ich suche nach Erklärungen dafür.
Es liegt für mich der Verdacht nahe, dass es von vornherein zu deinem Plan gehört hatte, mich und Renate in die Irre zu führen. Uns die Geschichte um deine ‚Unschuld’ vorzuspielen, um so an mich heran zu kommen. Da ich ‚das zweite Gesicht’ habe, wenn es um Menschen geht, ist es mir inzwischen sehr wohl bewusst, das es von dir nur ein perfides Spiel war. Die ganze Zeit über. Ich kann / will es mir aber nicht eingestehen!
Nein, das deine Liebe zur mir echt war, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Ich habe ‚in deinen Augen gelebt’, bin durch sie in die Tiefen deiner Seele eingedrungen, habe es dort gesehen. An deiner Liebe habe und werde ich nie zweifeln. Die war tief, ehrlich und offen.
Aber die Geschichte darum? Mir und Renate gegenüber?
Ich fürchte / weiß ich habe Recht!!
Egal, ob Engel oder Teufel – oder einfach nur Annegret,
geliebt habe ich dich, mehr als du es je vermuten / ahnen / wissen wirst!
Dein inzwischen AlterMann
p.s.
den Zettel nur mit Deiner gemalten Träne drauf – den habe ich mir neben das Bett gehängt...
Bin eben Irre, so richtig Irre inzwischen....
The prisoner who now stands before you - Was caught red-handed showing feelings - Showing feelings of an almost human nature;
(...,dass der Gefangene, der nun vor Euch steht, auf frischer Tat ertappt wurde, als er Gefühle zeigte, Gefühle von fast menschlicher Natur!)
Crazy, Toys in the attic I am crazy, Truly gone fishing. - They must have taken my marbles away. - Crazy, toys in the attic he is crazy.
(Wahnsinn, ich habe einen Dachschaden, muss verrückt sein, bin echt von der Rolle, Ich habe nicht alle Tassen im Schrank. Verrückt, er hat einen Dachschaden...)
Zitate : The Trail / The Wall, ©Pink Floyd LTD.